Antiquariat Gans Ewald

Georg Ewald

Geschichte meiner Sammlung

Georg Ewald

Nicht nur Bücher, auch Sammlungen haben ihre Geschichte. Was als (meist) verkürztes Zitat auf Bücher bezogen nur ein Gemeinplatz ist (die vollständige Fassung liefere ich weiter unten), trifft für Sammlungen genau in dieser Formulierung zu. Ist es doch die Person des Sammlers, die das alles anrichtet - zum Guten wie zum Schlechten. So soll hier, zuerst chronologisch, danach episodisch, einiges zur Entstehung meiner Reclam-Sammlung geschildert werden. Hierzu muss ich etwas ausholen.

Als ich mein Antiquariat im Frühjahr 1982 eröffnete, verfügte ich nur über eine zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock eines Wohn- und Geschäftshauses in der Mitte von Frankfurt. An ein Schaufenster war nicht zu denken. Einzig ein kleiner Bücherkorb und ein Schild wiesen den Weg zu mir nach oben. Deshalb mietete ich eine größere Vitrine in einer U-Bahn-Station an, die ich regelmäßig als Themenfenster gestaltete.

Es wird Spätsommer 1984 oder 1985 gewesen sein, als ich auf die Idee kam (eine Eingebung?), anlässlich der Buchmesse die Geschichte und Produktion eines Verlages zu zeigen. Ich sichtete meine Bestände und dachte zuerst, ich hätte ausreichend Bände des Rowohlt-Verlags. Weit gefehlt.

Dann fiel mein Auge auf einen Karton, der Reclam-Bände enthielt. Ihre Anzahl übertraf die anderer Verlage deutlich. In der Ansicht, aus dieser »Fülle« eine schöne Auslage gestalten zu können, ging ich an die Sichtung der Bestände. Bald waren die Reclam-Bände in eine gewisse Ordnung gebracht. Da gab es verschiedene Einbände, sowohl bei den broschierten Ausgaben als auch bei den fest gebundenen. Die Formate differierten. Die Erscheinungsjahre konnte ich nicht feststellen. Ich war ratlos und musste mir eingestehen, dass ich zu wenig Kenntnisse besaß. Zudem musste ich feststellen, dass das ach so umfangreiche Material alles andere als ausreichend war für mein Vorhaben. Offensichtlich hatte ich mehr als nur kleine Lücken in meinen Beständen

So entschloss ich mich, etwas kühn, den Verlag anzuschreiben, mein Vorhaben zu schildern und um Hilfe zu bitten, denn von meinem Projekt lassen wollte ich nicht. Umgehend bekam ich eine sehr freundliche Antwort von Dr. Bode, dem damaligen Verlagsleiter. Dem Schreiben beigefügt waren Belegstücke der aktuellen Produktion sowie zahlreiche Verlagsprospekte. Außerdem befanden sich in der Sendung Photokopien, die eine frühere, sehr umfangreiche Ausstellung dokumentierten. Ich möge mir etwas von dem damals Gezeigten aussuchen, der Verlag würde es mir für meine Zwecke leihweise zur Verfügung stellen.

Zusätzlich erhielt ich - zur besseren Vorbereitung -zwei Bücher zur Verlagsgeschichte:

 

Also machte ich mich an die Arbeit. Zuerst las ich die Festschrift von 1978. Sie enthielt zahlreiches Bildmaterial und informierte über die gesamte Geschichte des Verlags. Danach las ich den Band von Annemarie Meiner - soweit ich weiß die erste Publikation zur Verlagsgeschichte überhaupt (1958 wurde sie in gekürzter Form nochmals aufgelegt). Anemarie Meiner war zugleich die letzte, die vor der Zerstörung des Verlagsarchivs 1943 noch Zugang zu allem hatte. Auch bei ihr fand ich Neues, vieles wurde aber auch nur kursorisch abgehandelt und mit dem Hinweis versehen, es gäbe noch vieles zu entdecken, so vielfältig sei die Verlagsproduktion. Gerade diese Bemerkungen reizten mich und machten mir Appetit auf mehr. Schon als Jugendlicher schwärmte ich davon, einmal Archäologe zu werden, und nun durfte ich das auf dem Gebiet der Buchkultur werden. Ich hatte Feuer gefangen.

Um weiterzukommen benötigte ich weitere, größere Mengen an Reclam-Bänden. Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Ein Herr aus München, mit dem ich schon ab und an antiquarische Geschäfte getätigt hatte, meldete sich bei mir und erwähnte im Gespräch - so nebenbei - dass er von seinem Vater eine umfangreiche Reclam-Sammlung geerbt habe. Ich war sofort interessiert. Ein Postversand kam nicht in Frage und eine Fahrt nach München war mir damals nicht möglich. Einige Zeit später fanden Kauf bzw. Verkauf auf sehr abenteuerliche Weise statt. Wir verabredeten uns auf einem Parkplatz in Obernburg (südlich von Aschaffenburg). Dort wechselten dann zwanzig Kartons, die der Sammler eigens hatte anfertigen lassen, von einem Kofferraum in den anderen und einige Geldscheine den Besitzer. Eine Liste dieser ersten großen Reclam-Ankaufsaktion von knapp 6600 Bänden existiert noch.

Sehr schnell erkannte ich, dass diese Bestände der Uni-versal-Bibliothek von besonderer Qualität waren. Die meisten Exemplare waren unaufgeschnitten und alle Bände bestens erhalten. Außerdem enthielt die Sammlung viele Titel, die nur in kleiner Auflage erschienen waren. Dies war der Grundstock meiner jetzigen Sammlung.

Nun begann neues Suchen. Ich schaltete regelmäßig Anzeigen in der Börsenblatt - Beilage »Angebotene und gesuchte Bücher« und das mit großem Erfolg. Durch diese 14-tägig erscheinenden Anzeigen wurde ich sehr schnell bekannt als der »Reclam-Antiquar«. Es entwickelten sich feste Verbindungen vor allem zu anderen Antiquaren, die froh waren, diese kleinen Bändchen abgeben zu können, denn außer mir suchte keiner nach Reclam-Bändchen.

Durch die Vermittlung einiger Antiquare, aber auch mehrerer Kunden, die mein Sammelgebiet kannten, fand ich so manches besondere Stück. Hier ein Beispiel: Eines Tages tauchte ein Sammler für Feldpost-Ausgaben in meinem Laden auf und fragte, ob ich etwas für ihn hätte. Meine Antwort: »Wenn Sie etwas für meine Sammlung haben, dann habe ich auch etwas für die ihre.« Das Ergebnis war, dass er sich an einen Karton erinnerte, der in einem Bonner Antiquariat etwas deplaziert herumstand. Es handelte sich um die »Tragbare Feldbücherei« aus dem Ersten Weltkrieg. Nun steht sie in meiner Sammlung. Der Kunde, der mir dazu verhalf, ging auch nicht leer aus ...

Zuerst verlegte ich mich auf das Finden von Erstauflagen und veränderten Nachauflagen (vor allem von Gesetzestexten). Dies sollte die Grundlage sein für eine Bibliographie der Universal-Bibliothek für die Zeit von 1867 bis 1945. In der Zwischenzeit hatte ich drei weitere Reclam-Sammler kennengelernt. Durch eine Vernetzung dieser Bestände mit meinen und den Archivbeständen in Ditzingen beim Verlag hätten sich wohl neunzig Prozent der Universal-Bibliothek per Autopsie nachweisen lassen, den Rest hätte man aus Katalogen

erschließen müssen. Doch auf meinen Vorschlag hin, dies innerhalb von zwei Jahren (mit einem zweiten Mann) zu erstellen, erhielt ich, unter Hinweis auf die zu erwartenden Kosten, ein freundliches, aber klares Nein. Auch meine Idee, eine Zeitschrift für Reclam-Freunde zu schaffen, ließ sich damals nicht realisieren.

Nach dieser Absage suchte ich zwar weiter nach ersten Auflagen der Universal-Bibliothek - um Lücken zu füllen - veränderte aber auch etwas den Blickwinkel meines Sammelinteresses. Plötzlich gerieten die gelesenen, benutzten, bemalten oder in anderer Weise >verwendeten< Bände der Universal-Bibliothek in meinen Blick: Die Universal-Bibliothek mit Lebensspuren!

Jetzt komme ich zurück auf den anfangs zitierten Vers von Terentianus Maurus: »Habent sua fata libelli«. Für eine Bücher-Sammlung stimmt das, da alles aus dem Verstand und der Verantwortung eines Sammlers entsteht, für einzelne Bücher gilt das so nicht. Hier muss man vollständig zitieren: »Pro captu lectoris habent sua fata libelli.« Also: »Nach des Lesers Verstand formt sich der Bücher Geschick.« Moderner ausgedrückt: Auf der Grundlage eines ausreichend großen Sammlungsbestandes ließe sich Lesersoziologie betreiben. Gerade Reclams Universal-Bibliothek eröffnet hier ein weites Feld. Was habe ich nicht gefunden an von Schülern geschundenen, von Theaterleuten heftig bearbeiteten, von Künstlern gestalteten, von Bibliotheken bestempelten und in sonstigen Lebenssituationen benutzten Reclam-Bänden! So entstand nun eine zweite Sammlungsrichtung, die weder im Verlag noch in Bibliotheken zu finden ist.

Als drittes Bein meiner Sammlung sehe ich alles an, was sich um die Universal-Bibliothek herum gruppiert, vor allem Werbeideen und Werbemittel sowie die übrige Verlagsproduktion von Reclam.

Während sich dies alles entwickelte, war ich stets in engem Kontakt mit dem Verlag, vor allem mit Dr. Bode, der diese Lawine eigentlich losgetreten hat. Ich verdanke ihm sehr viel, so auch - mit Unterstützung von Dr. Koranyi - die Begründung des mittlerweile legendären Reclam-Abends am Buchmessen-Freitag. Denn 1989, als ich im Hinterhaus meines Ladenlokals einen Raum übernahm, den ich zu einem Buchcafe umgestaltete, hatte einer von uns dreien (Dr. Bode, Dr. Koranyi - oder ich selbst?) die Idee, in diesem Raum einen Abend für Reclam-Mitarbeiter, Verlagsvertreter und Freunde des Verlags zu organisieren. Gesagt, getan. Zur Buchmesse 1989 fand der erste Reclam-Abend statt. Der Raum war klein und schnell gefüllt. Es gab ein italienisches Büffet. Die Stimmung war sehr entspannt. In einer Vitrine versammelte ich einige besondere Neuzugänge meiner Sammlung und kommentierte die dort gezeigte Pracht. Bis 1993 (mit Ausnahme des Jubiläumsjahres 1992) wiederholte sich dieses Wiedersehen. Mittlerweile findet der Abend in einem größeren Rahmen statt - und mein Buchcafe existiert auch schon lange nicht mehr.

Im Frühjahr 1987 erschien auf der dritten Umschlagseite des Reclam-Gesamtverzeichnisses ein Hinweis auf mein Reclam-Angebot antiquarischer Bändchen: »Georg Ewald, Special-Antiquar fast sämmtlicher Werke aus der historischen Produktion« - eine Anzeige, gestaltet wie ein altes Reclam-Bändchen. In eben dieser Form ließ der damalige Werbeleiter des Verlags, Christoph Wilhelmi, auch ein Bändchen versehen, das innen nur leere Seiten aufwies und das ich mittlerweile mit Originalzeichnungen diverser Künstler füllen konnte. Noch an einer anderen Stelle stand ich Pate für eine kleine Sache, die für manchen Buchforscher eine große Hilfe sein kann. Bei einem Besuch im Ditzinger Reclam-Archiv durfte ich auch das Original des von 1867 bis 1943 geführten Auflagenbuchs in Händen halten. Es überlebte die Bombennacht im Dezember 1943, als alles rundherum brannte, eingeschlossen in einen Tresor. Dennoch hinterließ die große Hitze Spuren und dieses wertvolle Dokument drohte zu zerfallen. Auf meine Anregung hin wurden einige Sätze Mikrofiches angefertigt. (Inzwischen ist es eingescannt und digitalisiert.) Seitdem kann man das Original schonen.

Zum Abschluss möchte ich dem Reclam-Verlag herzlich danken für die bisher erwiesene Unterstützung, vor allem Herrn Dr. Bode, mit dem alles anfing, Frau Brigitte Reclam und allen anderen Mitarbeitern. Ich habe mich stets sehr gut aufgehoben gefühlt.